![]() SCHATTENBLICK - INTERVIEW/013: Sabine Wils (MdEP)
Am Vorabend der Konferenz zum Thema "EU am Ende? (29.10.2011 - Berlin)
Zum Interview![]() Beiträge unserer Referentinnen: Sozialismus 21: Das Einfache, das schwer zu machen ist Peter FleissnerEU am Ende? Alternativen zum kapitalistischen System Heinz BierbaumThe postman always rings twice.
The euro crisis inside the global crisis.
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Alle bisherigen Wirtschaftskrisen waren Jungbrunnen des Kapitalismus – auch diese? Man spricht von der Euro-Krise, und das klingt nach Währungskrise. Davon kann aber im Grunde nicht die Rede sein. Der Euro ist ökonomisch stabil nach innen und nach außen: Nach innen: die Inflationsrate ist nach wie vor gering. Nach außen: es gibt keinen Absturz des Euro im Verhältnis zu Dollar, Yen oder anderen Währungen. Man mag von einer politischen Euro-Krise sprechen, also davon, ob auf Dauer alle die 17 Länder, die gegenwärtig den Euro haben, ihn behalten werden. Aber: Falls eines von ihnen oder auch einige ausscheiden werden, dann würde der Euro der Rest-Eurozone noch härter werden. Er würde aufwerten. Allerdings würde dann das deutsche Exportmodell zusammenbrechen. Das ist des Pudels Kern bei den derzeitigen leidenschaftlichen Bekenntnissen zu Europa in der Bundesregierung und im größten Teil der veröffentlichten Meinung. Im ökonomischen Sinn aber gibt es gegenwärtig keine Euro-Krise. Was wäre dann aber der korrekte Name der Krise? Die Antwort auf diese Frage schiebe ich jetzt noch ein wenig auf und komme zunächst zur Datierung. Wann ist diese Krise denn eigentlich ausgebrochen? Es gibt verschiedene Vorschläge, und jeder ist mit einem anderen Jahr verbunden. Erstens: 2007: Die von den USA ausgehende Hypothekenkrise. Zweitens: 2008: Bankenkrise und staatliche Bankenrettung. Drittens: 2009: Krise der so genannten Realwirtschaft. Viertens: 2011: Krise der Staatsfinanzen infolge der Bankenrettung und der Konjunkturprogramme während der Krise der Realwirtschaft. Fünftens: Ebenfalls 2011: Zweite Bankenkrise infolge der Krise der Staatsfinanzen. Meine These lautet, und damit komme ich zur Namensgebung: Diese insgesamt fünf Krisen sind Sekundärkrisen einer anderen, früheren und in ihren Auswirkungen größeren Krise. Es handelt sich um eine Systemische Überakkumulationskrise. Der Begriff klingt nicht sehr pressewirksam, aber man kann ihn erklären. Die Systemische Überakkumulationskrise, auf die es mir ankommt, wurde nicht 2007 ausgelöst, nicht 2008, nicht 2009 und auch nicht 2011. Sie war 1975. Die Weltwirtschaftskrise von 1975 war die Mutter der heutigen Krisen. Um das zu erklären, müssen wir unterscheiden zwischen zyklischen und systemischen Krisen.
Eine zyklische Krise, im Schnitt alle zehn Jahre, ist nichts anderes als die Bereinigung von Überkapazitäten, die sich in einem Boom aufbauen. Dann kommt eben ein in der Regel kurzer Abschwung. In der Geschichte des Kapitalismus gab es bisher vier solche Systemische Überakkumulationskrisen: 1873, 1929, 1975 und 2007 bis heute. In den ersten drei Fällen haben die Krisen zur Erneuerung und Dynamisierung des Kapitalismus geführt. Nach der ersten – 1873 – ging der Kapitalismus der freien Konkurrenz in den Organisierten Kapitalismus und Imperialismus über, nach 1929 folgte der staatsinterventionistische – oder auch staatsmonopolistische – Kapitalismus mit seinen verschiedenen Varianten: Faschismus, Kriegsökonomie, keynesianischer Wohlfahrtsstaat. Ihn löste nach 1975 der finanzmarktgetriebene Kapitalismus – einige sprechen auch vom Neoliberalismus – ab. Über die vierte Krise reden wir heute. Zwischen der Krise von 1975 und der heutigen besteht folgender Zusammenhang: Die Weltwirtschaftskrise 1975 war das Ende einer Periode, die nach dem Zweiten Weltkrieg begann und in der große Profite erzielt werden konnten durch hohen, nachfrage-, nämlich zahlungsfähigen Massenkonsum sowie nachfragestarke staatliche (einschließlich der kommunalen) Infrastrukturpolitik. Es herrschte annähernde Vollbeschäftigung, die von den Unternehmern als Überbeschäftigung bezeichnet wurde. Der Organisationsgrad der Gewerkschaften in den am meisten entwickelten kapitalistischen Ländern war hoch. Ein so genanntes profit-squeeze, eine Profitklemme, bestand zwar noch nicht, aber sie wurde eher herbeigeredet in einem Moment, in dem eine Veränderung des Kräfteverhältnisses zwischen Kapital und Arbeit zugunsten des Kapitals möglich wurde. Diese Möglichkeit ergab sich
Entweder
Das war die erste Wende in der Mitte der siebziger Jahre. 2. Die zweite war die Durchsetzung eines neuen Wirtschaftsstils: Vorrang der Geldwertstabilität vor der Beschäftigung (Monetarismus); Drosselung der staatlichen Investitionstätigkeit; Abzug von Kapital aus der Produktion in die Zirkulation, in der es sich für einige Zeit spekulativ vermehrt. Im Ergebnis schwoll die Finanzdienstleistungsindustrie an. Da Kapital aber nicht auf Dauer in der Zirkulationssphäre verbleiben kann – denn nur in der Produktion wird letztlich Mehrwert geschaffen –, musste die Blase schließlich platzen: ab 2007. Nun wird nach der Regulierung der Finanzmärkte gerufen. Damit die Konzepte nicht zu kurz greifen, muss zunächst noch auf die Politik des ausschlaggebenden Sektors der Kapitalistenklasse eingegangen werden. Dieser ausschlaggebende Sektor besteht nicht mehr – wie zwischen 1945 und 1975 – aus den Big Bosses, den Managern der produzierenden Großkonzerne, die mit den Spitzen des Staatsapparats kooperieren, sondern aus den Spitzen der Finanzdienstleistungsbranche. Ihre Strategien waren bisher
(So haben wir es von Jörg Huffschmid gelernt.) Selbstverständlich war auch das nur in Kooperation mit den staatlichen Spitzen möglich, aber das Verhältnis von Koch und Kellner war nun klarer. Die gegenwärtige Krise mag dazu führen, dass der Finanzsektor tatsächlich stärker reguliert wird. Es fragt sich aber, in wessen Interesse? Denkbar ist durchaus, dass die Spekulation eingedämmt, zugleich aber der Druck auf die Belegschaften der Unternehmen und auf die Öffentliche Hand erhöht wird. Wenn wir jetzt zum Schluss über Alternativen reden, dann ist diese Gefahr zu berücksichtigen und an zweierlei zu denken:
In einem solchen Kontext ist es auch wieder sinnvoll, von Europa zu sprechen: als einem Regulationsraum, für den das Gerede von einer Globalisierung, die unvermeidlich zu Lohn-, Infrastruktur- und Sozialdumping führen müsse, ins Leere geht.
Nun möchte ich noch etwas zu den interessanten Vorschlägen von Heinz Dieterich und Peter Fleissner für einen Sozialismus des 20. Jahrhunderts sagen. Bahn brechend ist hier ja das Buch „Alternativen aus dem Rechner“ von Paul W. Cockschott und Allin Cottrell. Es zeigt, wie mithilfe moderner Computer-Technologie die angebliche Überlegenheit der Marktwirtschaft über die der Planwirtschaft ins Reich der Fabel verwiesen werden kann. Theoretisch hat bereits 1908 Enrico Barone bewiesen, dass eine sozialistische Wirtschaft solche Koordinierungsleistungen erbringen kann. Bei Cockshott/Cottrell sehen wir, dass heute auch die dafür notwendige Technik bereitsteht. |
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