Sabine Wils > Persönlich
Europaabgeordnete Sabine Wils hat auch ein Leben vor und neben der Politik
„Berufspolitikerin“ – Sabine Wils hört das Wort nicht gern. „Denen wird nachgesagt, dass sie nicht wissen, wofür und von wem sie gewählt worden sind.“ Das Wort klingt nach Karriere, Ehrgeiz und Ellenbogen. So, als gäbe es kein Leben vor und neben der Politik. Das gibt es sehr wohl. Und wer Sabine Wils als Politikerin verstehen will, sollte zunächst einmal ihr Leben kennen.
Es ist eine konservative Akademikerfamilie, in die sie 1959 in Aachen hineingeboren wird. Als sie 1979 Gewerkschaftsmitglied wird, sagt ihr Vater nur: „Du musst wissen, auf welcher Seite du stehst.“ Das weiß sie: Auf der Seite derer, die um ihre Rechte kämpfen. Vielleicht ist es ihr großer Gerechtigkeitssinn, der sie intuitiv weit links von der Mitte heimisch werden lässt.
Das gilt im Übrigen auch für ihren Mann Peter. Sie lernt ihn auf einer Fete des Arbeitskreises Demokratischer Soldaten kennen – in Uniform hat er als Wehrpflichtiger für Abrüstung und die Rechte der Wehrpflichtigen demonstriert. Schon damals sind beide politisch aktiv, Sabine in der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ), später als Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei und des Marxistischen Studentenbundes Spartakus. Sabine und Peter Wils sind seit 1980 zusammen und haben drei gemeinsame Kinder. Ein Sohn arbeitet als Seegüterkontrolleur am Hamburger Hafen, eine Tochter als Ingenieurin, und ihr jüngster Sohn geht noch zur Schule.
Als sich die beiden kennen lernen, studiert Peter noch Mathematik, und Sabine verdient das Geld als Hebamme. Auch das Chemie-Studium, das sie im Herbst 1980 beginnt, finanziert sie mit Wochenend- und Nachtschichten. Es ist eine finanziell klamme Zeit für die beiden. 1982 und 1984 kommen ihre ersten beiden Kinder zur Welt – die Familie lebt in zweieinhalb Zimmern auf 60 Quadratmetern. Einmalwindeln sind zu teuer, die Stoffwindeln hängen auf einem Wäscheständer im Wohnzimmer. Nach der Geburt des ersten Kindes sagt man ihr im Amt für Soziale Dienste: „Hören Sie doch auf mit dem Studium, dann braucht Ihr Kind auch keinen Kitaplatz!“ Ein Berufsberater des Arbeitsamtes rät Sabine damals, einen Job im Büro anzunehmen, für eine Anstellung als Chemikerin sei sie ohnehin zu alt.
Sabine Wils erinnert sich daran noch sehr genau – und wird auch immer wieder daran erinnert, wenn sie, etwa am Rande von Podiumsdiskussionen, mit Menschen spricht, denen es heute, 30 Jahre später, so ähnlich oder noch schlechter geht. „Wir hatten damals immerhin eine Zukunftsperspektive. Aber Hartz IV und Niedriglöhne sind ein Skandal, mit dem Geld kann niemand am gesellschaftlichen Leben teilhaben“, sagt sie. Und: „Hätte ich damals auch noch Studiengebühren bezahlen müssen, hätte ich mein Studium gleich knicken können.“
1988 schließt sie ihr Studium ab und arbeitet anschließend bei der Umweltbehörde Hamburg. Dabei beschäftigt sie sich in den ersten 8 Jahren mit der Einleitung industrieller Abwässer in die öffentliche Kanalisation und später mit gefährlichen Abfällen. Hier zeigt sich bereits das für sie neben der sozialen Frage wichtigste Thema: Umweltschutz. 1991 haben ihre Kolleginnen und Kollegen sie in den Personalrat gewählt, dessen Vorsitzende sie später jahrelang war.
So bedingen sich Sabine Wils’ Werdegang und ihr politisches Engagement gegenseitig. „Die Umwelt zu erhalten ist für mich auch eine Frage der Verteilungsgerechtigkeit der natürlichen Ressourcen auf der Erde, das eine ist ohne das andere nicht zu erreichen“, sagt sie. Und: „Beides ist unter kapitalistischen Vorzeichen nicht realisierbar.“ Zur LINKE-Vorgängerpartei PDS stößt sie schließlich, weil diese sich vor dem Kosovo-Feldzug der Nato als einzige Friedenspartei im deutschen Parlament präsentiert.
Privat hört sie gerne Rosenstolz und Konstantin Wecker, sie joggt gerne und geht im See schwimmen. Zum Lesen kommt sie zurzeit eher selten – und wenn, dann tragen die Texte Titel wie „Richtlinie, “, "Verordnung" oder „Parlamentarische Entschließung“. Ihr Arbeitstag geht oft bis zwei Uhr morgens. Was auch daran liegt, dass sie neben dem Sitz im Europaparlament im BundessprecherInnenrat der AG Betrieb&Gewerkschaft sowie im Bundesvorstand der LINKEN, und im „Europäischen Netzwerkes der Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter in und bei der Europäischen Linken“ tätig ist. Klar, dass das nicht nebenbei geht. Also doch eine Berufspolitikerin? „Bezahlt werde ich von den Menschen, für deren Rechte ich kämpfe. Und zwar hauptberuflich.“